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Die Menschen in den Geschichten sind Sommergäste auf diesem Stern, die sich staunend umschauen, beobachten und Erfahrungen machen wie zum ersten Mal, deren kindliches Weltbewusstsein offen ist für Magie, Märchen, Utopie. Sie fahren an die Ostsee in der ehemaligen DDR, erinnern sich ihrer ersten und letzten Liebe, finden einen ganz eigenen Umgang mit Spiritualität und Politik oder imaginieren einen Weltuntergang in den Alpen.
Wo sich Erfahrungen überschneiden, entsteht etwas Neues - oder Altes, Verschüttetes wird entdeckt, aufgedeckt, zur Verfügung gestellt zum Spielen, Erforschen und Weiterträumen. Eine Sehnsucht ist spürbar, die Welt der Sachen abzustreifen, dem Be-langlosen zu entgehen. Fast alltägliche Situationen werden geschildert, Minuten und Stunden, die, ob im Glück oder im Unglück oder irgendwo dazwischen verbracht, ein bisschen Ewigkeit in sich tragen.

Die Frau am Strand

Es ist zu früh im Jahr, um barfuß am Wasser entlang zu gehen; noch nicht einmal Vorsaison. Am Strand steht ein Lastwagen, Arbeiter laden Sträucher ab, errichten neue Windschutzzäune. Keine Spur mehr von den Sandburgen des Vorjahres, keine Strandkörbe, kein Kinderlachen, kein Geruch nach Sonnenöl.
Eine Schar Strandläufer trippelt im Wind vor mir her. Der Horizont ein klarer Strich. Ohne Schiffe, ohne Inseln fließt das Meer fort. Langsam verlässt es den Flutsaum, lässt sein Spielzeug zurück: Hölzer, Federn, Socken von Seeräubern, Milchtüten.
Abrupt endet der helle Sandstrand, beginnen überflutete Vorlandwiesen. An der zurückweichenden Wasserlinie entlang schwinge ich aus der Zeit in den sich weitenden Raum, singe dem Wind die zweite Stimme zu seinen Chorälen vom Lassen, Verlassen, Lachen, vom heimatlosen Verwehn und Verstehn, vom Fliegen, Fliehen und von der Unendlichkeit.
Weit voraus kann ich sehen, wer mir begegnen wird. Manchmal sind Ornithologen unterwegs, scheue Einzelgänger mit Ferngläsern. Manchmal liegen Wracks und Wale im seichten Wasser, die sich in letzter Minute in Baumstämme oder gestrandete Möbelwagen verwandeln.
Den Korbstuhl mit der darin sitzenden Frau weiß ich lange nicht zu deuten. Erst im Näherkommen klärt sich die Szene: Immer wieder beugt sich die Frau vor, um weiße Knäule dem Meer zu übergeben, eine verspielte Flotte stiller Schwimmvögel zieht von ihr fort.
Ich könnte einen Bogen um sie machen, näher zum Deich hin. Selbst wenn ich weiterginge wie jetzt, sie würde mich gar nicht bemerken. Doch mein Herz klopft vor Freude, sie endlich gefunden zu haben und vor Angst, sie würde mich nicht erkennen. Um sie durch mein plötzliches Auftauchen nicht zu erschrecken, beginne ich wieder leise zu singen.
Sie wendet den Kopf und lacht mir entgegen, so wie eine Mutter die Arme öffnet, um ihr heranlaufendes Kind aufzufangen und herumzuwirbeln. Dabei sitzt sie ganz still, die Füße zum Körper herangezogen; mit den Händen Bücher und Papiere im Schoß festhaltend.
Ich wate in meinen Gummistiefeln auf sie zu, lasse die Kapuze vom Kopf gleiten, nähere mich ihr in ruhiger Gewissheit.
Um mich in den Korbsessel zu setzen, muss ich die Hefte, Bücher und Mappen hochheben. Die Schiffchen, die sie ausgesetzt hat sind schon weit hinausgetrieben. Ich halte den Papierstapel vor der Brust und kann mich nicht entschließen, sogleich ihr Werk fortzusetzen. Langsam streife ich die Gummistiefel ab und ziehe die Füße zu mir heran.
(In ganz naher Ferne, Oberhausen 2003)